Positive Anerkennungen als Bergführer

Hier ein kleiner Einblick .

Das gelungene Abenteuer der Erstdurchsteigung der „Hohe Munde – Direkte Südwand“ mit Manfred Aberlein

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Für die erste vollständige Begehung der „Direkten Südwand“ an der Hohen Munde in der Mieminger Kette traf ich mich als Bergführer im Herbst 1978 mit Manfred Abelein, seines Zeichens deutscher Bundestagsabgeordneter (1965 -1990) und begeisterter Bergsteiger, den ich bereits 1959 in Chamonix kennengelernt habe.
Wir hatten für  den Sommer 1978 geplant, im Montblanc-Gebiet an der Grandes Jorasses (4208 Meter) den Walkerpfeiler zu klettern, allerdings verhinderte schlechtes Wetter unser Vorhaben. Sozusagen als Ersatz dafür, ermöglichte uns ein langanhaltendes Schönwetter im November 1978 dann aber die Durchsteigung der „Direkten Südwand“ an der Hohe Munde!
Manfred Aberlein beschrieb unser gelungenes Abenteuer und seine Freude darüber im Artikel „Hohe Munde – Direkte Südwand“, der im Juni 1979 in der Zeitschrift „ALPINISMUS“ erschien:
„Die Idee der Erstbesteigung der Direkten Südwand der Hohe Munde stammt von Helmut Wagner.
Wir warteten nach diesem miserablen Sommer auf ein anhaltendes Hoch. Als es endlich eintraf, hatte ich trotz Debattenverpflichtungen im Bundestag und anderen bereits seit langem eingegangenen Terminen nur noch „die Wand“ im Kopf. Unser Plan sah für die Erstbegehung drei Tage mit zwei Biwaknächten in der Wand vor. Unsere Bergsteigerausrüstung, Verpflegung für drei Tage und fünf Liter Wasser hatten wir in drei Rucksäcken untergebracht – der dritte Rucksack sollte nach jeder Seillänge bis zum Standplatz jeweils nachgezogen werden.
Nach mehreren Stunden mühsamen Anstieg aus dem Inntal erreichten wir am 20. November 1978 gegen Mittag den Einstieg in der Falllinie des Gipfels direkt an der untersten Stelle der Südwand. Eine halbe Stunde später ging es los – gleich sehr schwierig. Nach einem Quergang musste schon in der ersten Seillänge ein sehr exponierter Überhang überwunden werden, anschließend ein senkrechter, äußerst griffarmer Rißkamin, in dem wir uns mühsam nach oben schoben. Hin und wieder wurde ein Haken in einen schmalen Riß gesetzt, den wir aber in der Regel wieder mitnahmen, weil wir ihn im oberen Teil benötigten.
Die Nacht überraschte uns in einer Verschneidung. Mühsam balancierten wir noch einen etwa 10 Meter langen, äußerst luftigen Quergang entlang zu einer Andeutung eines Biwakplatzes. Der dritte Rucksack bereitete uns hier besondere Mühe. Unser Biwakplatz war eine schmale, hüftbreite, obendrein noch schräg abfallende Leiste – aber immer noch besser, als die Nacht in Schlingen stehend verbringen zu müssen. Wir, unsere Rucksäcke, der Gaskocher – alles wurde am Fels mittels Haken und Reepschnüre zur Sicherung festgemacht. Wenn unsere Lage auch alles andere als komfortabel war, so konnten wir jedenfalls in der Nacht nicht abstürzen. Beim Taschenlampenschein verzehrten wir dann ein paar Scheiben Speck und Brot, schlürften unsere heiße Suppe, die uns angesichts der aufziehenden Kälte wohligtuend wärmte. Unsere einzige Dose Bier war in dieser Umgebung der luxuriöse Abschluß unserer Mahlzeit. Halb hängend, halb in Rucksack und Schlafsack stehend, schickten wir uns an, die 14 Stunden Nacht hinter uns zu bringen.
Allmählich wurde es klirrend kalt. Langsam kroch die Kälte in mich hinein und ließ sich nicht mehr abschütteln. Die letzten Lichter im Inntal verloschen. Die Sterne standen vollzählig am Firmament, und als der Mond aufzog, leuchtete die Südkette des Inntals in einer fahlen, kalten Pracht. Die Felswand hinter uns schien sich gespenstig leuchtend bis hoch zu den Sternen zu schieben. Wachend, frierend, rutschend, mit spärlichen Bewegungen gegen die Kälte ankämpfend, schließlich gegen Morgen gelegentlich einnickend, zwischen Wachen und wirren Träumen hin- und hergerissen, hörten wir um 6.00 Uhr die tiefe Glocke von Telfs herauf zum Frühgebet läuten. Allmählich erwachte das Inntal zum Leben, Lichtpünktchen glühten auf. Gegen 7.00 Uhr huschte zaghaft der Tag über die östlichen Gipfel und Zinnen der Bergkette. Kein Wölkchen stand am Himmel. Um 7.30 Uhr, fast pünktlich, schob sich die rotglühende Kugel der Sonne über die östlichen Berge. Es war wie ein Wunder. Schon ihre ersten Strahlen weckten unsere erstarrten Glieder zu neuem Leben. Die Wärme der ersten Strahlen war köstlich. Um uns entfaltete sich ein unglaubliches Schauspiel. Hundert Spitzen, Gipfel, Zinnen, Grate begannen nacheinander in rotem Gold zu leuchten. Der Westen war noch ganz dunkel, der Osten feurig-rot. Die Wand, die eben noch einem Leichentuch glich, schien nun in einer rötlich- braunen Tönung ebenfalls zum Leben zu erwachen. Sie bot sich uns an, und neue Unternehmungslust verdrängte die starre Apathie der Nacht.
Binnen Minuten war ein strahlend neuer Tag aufgezogen. Wolkenloser blauer Himmel in allen Farbspiegelungen zwischen Rot und Gelb, einem bläßlichen Blau bis zum tiefen Dunkelblau über uns. Das Abenteuer lockte von Neuem. Immer heller klirrend drang ein Haken in eine Blöße, die sich der Fels gegeben hatte. Der Karabiner mit dem Seil schnappte ein, und wieder hatten wir der Wand ein paar Meter Höhe und etwas Sicherheit abgewonnen. In einer glatten Verschneidung turnten wir hintereinander nach oben. Ein Überhang drängt uns nach links auf eine griffarme, überaus glatte 10-Meter-Querung, und dann hingen wir erneut unter einem Überhang, den wir aber ohne besondere Hilfsmittel wie Steigleitern und Trittschlingen überwinden konnten. Auch hier befanden wir uns am Rande der obersten Schwierigkeit der alpinen Skala. Den ganzen Tag kämpften wir uns Meter um Meter nach oben, trieben an unseren Sicherungsständen Haken in die Wand, die alles bot, was sich der Kletterer wünscht: Kamine, Riße, Überhänge, Verschneidungen, glatte Platten. Gelegentlich war der Fels sehr verwittert, sehr brüchig, so daß kaum ein Halt für die Haken zu finden war. Sichere Griffe und Tritte konnten in manchen Seillängen nur mühsam ertastet werden. Nur gut, daß die Wand so steil war, denn nicht selten rauschte ein Steinschlag über uns hinweg.
Am Ende des zweiten Tages hatten wir mehr als zwei Drittel der Wand hinter uns gebracht, auch wenn das Nachziehen des Rucksacks meist länger dauerte als zunächst angenommen, weil er sich häufig verklemmte. Unser zweiter Biwakplatz, eine kleine Nische, war etwas besser als der erste.
Um uns gegen Absturzgefahr zu sichern, befestigten wir eines unserer drei Kletterseile an drei bis vier Haken im Fels und banden uns an dieses Seil mittels Prusikschlingen, so daß wir auf der etwa fünf Meter langen Abschlußleiste der Nische auf und ab gehen konnten, ohne Gefahr laufen zu müssen in die Tiefe zu stürzen. Die Nacht stand der vorhergegangenen in nichts nach. Naht endlich nach 14 Stunden der herbeigesehnte Morgen des kurzen Wintertages, so findet man kaum noch die Kraft, sich aus der lähmenden Starre zu lösen.
Am dritten Tag mußte als erstes ein Rißkamin mit abschließendem Überhang durchstiegen werden. Nach der ersten sehr mühsamen Seillänge versperrte uns ein weiterer Überhang den Weg. Der Fels war so rauh und spitz, daß meine Hände zu bluten begannen. Wir prüften, ob wir den Überhang eventuell über eine steile, glatte Platte nach links ausweichend mit einem Quergang umgehen könnten. Helmut machte einen Versuch, aber dann wären wir von der Wand zu weit nach links weggekommen. Also mußte der Überhang genommen werden. Die Haken hielten schlecht, und wir benötigten mehr als eine halbe Stunde, um einen halben Meter höher zu steigen und weitere Haken zu setzen. Helmut schlug die Haken, ich gab ihm Zug, damit er sich in der Balance halten konnte und eine Hand für den Hammer frei hatte. Angesichts des morschen Gesteins hatte ich erhebliche Zweifel, ob die Haken überhaupt halten werden. Zentimeterweise kämpften wir uns vorsichtig nach oben. Der Überhang kostete uns fast eine Stunde. Ein senkrechter Rißkamin zieht die nächsten 30 Meter entlang auf einen Pfeiler zu dessen kuppenartigem Abschluß. Er bot so gut wie keine Griffe und Tritte. Die Kletterei war sehr exponiert. 400 Meter unter mir sah ich zwischen meinen Beinen die Steinhalden des Wandvorbaues. Ich schwebte sozusagen frei über ihnen.
Um die Mittagszeit standen wir auf dem Pfeiler. Dreiviertel der Wand liegen unter uns. Nach einer einfacheren Seillänge bäumte sich die Wand erneut steil auf. Abwägend, ob wir sofort zum Gipfel durchsteigen sollen oder auf einer flachen, in die Wand eingelassenen Felsplatte noch einmal biwakieren sollen, entschloßen wir uns für das Biwak, weil wir nicht genau wußten, was uns im letzten Abschnitt noch alles erwartet. Wir genoßen die Nachmittagssonne, sicherten eine Seillänge mit einem fixierten Seil, um am kommenden Morgen Zeit zu sparen und überlegten, für welche der mehreren Ausstiegsmöglichkeiten wir uns entscheiden sollen. Wir konnten den Gipfel links über eine glatte Platte erreichen oder durch eine große Verschneidung, wobei aber keineswegs sicher war, ob im Riß der Verschneidung Sicherungshaken halten würden. Etwas rechts davon zogen an einer fast senkrechten Wand zwei parallele Riße zu einem scharfen Grat unterhalb des Gipfels.
Im Verhältnis zu den bisherigen Biwaks war dieses geradezu bequem. Wir brauchten nur wenige Sicherungen. Da unser Wasservorrat längst verbraucht war, kochten wir Schnee ab. Wir genoßen die Wärme der letzten Sonnenstrahlen, die Abendruhe und die kunstvollen Flugspiele der Dohlen. Gestört wurde die Idylle nur durch einen plötzlich dicht neben mir heruntersausenden, kindskopfgroßen Stein. Der Anbruch der Nacht, der Wechsel der Farben, der Sternenhimmel ließen alle Mühsal, Schmerzen, Gefahr und gelegentliche Angst vergessen. Wir fielen trotz des harten Untergrundes in einen tiefen Schlaf, der aber nach zwei Stunden durch einen eisig-pfeifenden Wind für den Rest der Nacht beendet wurde. Die letzten kargen Vorräte gab es zum Frühstück. Es war höchste Zeit, die Tour zu beenden.
Drei eiskalte Biwaknächte zehrten an der Kondition. Am vierten Tag brachten wir die erste Seillänge rasch hinter uns. Der sich anschließende parallele Riß – Schwierigkeit etwa obere IV – bereitete uns keine großen Schwierigkeiten. Er führte zu einem Grat, von dem aus man bereits die Schneeränder der Gipfelkante sah. Auf diesem Grat ritten wir buchstäblich wie die Hexen auf ihren Besen in luftiger Höhe, 500 Meter über dem Karboden und 2000 Meter über dem Inn. Noch eine Seillänge und wir standen auf dem Schneefeld, daß zum Gipfelkreuz führt. Wir hatten es geschafft, warfen alle Lasten von uns und eilten zum Gipfel, der uns ein herrliches Rundpanorama bot.
Wenige Stunden später saßen wir bereits im Gasthaus in Leutasch und genoßen nach den Entbehrungen der letzten Tage die Zivilisation in vollen Zügen." -  Manfred Aberlein